Schulung mit Aha-Effekt: Fahrsicherheitstraining bei der Deutschen Post

Anhalten und Anfahren im Minutentakt, Rangieren in engen Gassen, Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern: Die Zusteller der Deutschen Post sind auf der Straße jeden Tag besonders gefordert. Damit sie auf ihren Job gut vorbereitet sind und es in brenzligen Situationen nicht kracht, bietet die Niederlassung Nürnberg ihren Zustellkräften spezielle Fahrsicherheitstrainings an.

© Deutsche Post DHL Group | Im Slalom durch die Halle: Neben einem theoretischen Teil besteht das Fahrsicherheitstraining vor allem aus praktischen Übungen.

Etwa 14 bis 16 Teilnehmer versammeln sich zu Beginn jedes Trainings im Schulungsraum der Niederlassung Nürnberg der Deutschen Post. Sie alle sind von ihren jeweiligen Zustellstützpunkten dafür vorgeschlagen worden - was nicht bedeutet, dass sie schlechte Fahrer wären und besonders großen Schulungsbedarf hätten: "Unser Ziel ist es, dass möglichst jede und jeder mal ein solches Training absolviert hat, auch wenn das wegen der Fluktuation nicht immer klappt", sagt Michael Rödamer. Er ist verantwortlich für die Schulungsprogramme in der Niederlassung Nürnberg und hat auch sonst ein offenes Ohr für alle Fragen und Unsicherheiten, die bei den Zustellern im Fahralltag auftauchen. Das systematische Training, das er gemeinsam mit dem in Ingolstadt ansässigen Ausbildungszentrum Dehler und Partner GmbH durchführt, gibt es seit 2016. Der Ablauf ist dreigeteilt: Um 8:00 Uhr beginnt der Schulungstag mit einem ersten Kennenlernen bei Kaffee und Brezen, dabei erfahren die Teilnehmer, was in den folgenden Stunden passieren wird. Außerdem konfrontiert Rödamer die Gruppe mit einigen Zahlen zu den Unfällen im Zustellbetrieb und den Schadenssummen, die dabei entstehen - allerdings ohne erhobenen Zeigefinger. "Es ist mir ganz wichtig, dass ich hier nicht schulmeisternd auftrete", sagt Rödamer. Die Kolleginnen und Kollegen sollen schlicht für das Thema sensibilisiert werden, um gemeinsam an der Reduzierung der Unfälle zu arbeiten.

© Deutsche Post DHL Group | Beim Training muss auf den Zentimeter genau rangiert werden, denn auch im Zustellbetrieb ist der Platz manchmal knapp. Damit es dann nicht kracht, wird in der Halle geübt.

Gegen halb zehn wird die Gruppe geteilt. Die eine Kleingruppe bleibt bei der Theorie und beschäftigt sich mit den persönlichen Erlebnissen der Zusteller: "Alle berichten reihum, zum Beispiel von Fahrsituationen, die für sie schwierig waren, oder von einem Unfall, der passiert ist", erklärt Rödamer. Jeder Vorfall und jede Erinnerung wird anschließend in der Gruppe gemeinsam durchgearbeitet. Was war das Problem? Hätte sich die Situation vermeiden lassen? Hat der Zusteller richtig reagiert? Was hätte er vielleicht anders machen können? Das individuelle Aufarbeiten hilft den Zustellkräften, aus eigenen und den Fehlern anderer zu lernen und besser auf häufig auftretende heikle Situationen vorbereitet zu sein. 

Simulierter Autoklau

Während die erste Gruppe diskutiert, ist die zweite bereits beim praktischen Teil angekommen: Dem Parcours, den ein Mitarbeiter der Fa. Dehler & Partner in einer großen Halle auf dem Gelände der Niederlassung aufgebaut hat, nur einen kurzen Fußmarsch vom Schulungsraum entfernt. Auf diesem Parcours sollen die Zusteller nun selbst ausprobieren, wie sie typische schwierige Situationen meistern - oder vermeiden. Leicht wird es ihnen dabei nicht gemacht: "Der Parcours hat es wirklich in sich", sagt Rödamer. Das Umkurven der aufgestellten Hütchen ist Zentimeterarbeit, die Zusteller müssen ausschließlich mithilfe ihrer Spiegel rangieren und voll bei der Sache sein. 

Eine der Übungen nennt Rödamer den "kleinen Hof": Hier symbolisiert die mit Hütchen markierte Fläche eine typische Hofeinfahrt, in die der Zusteller mal vorwärts und mal rückwärts einfährt, wendet und vorwärts bzw. rückwärts wieder rausfährt. "Das ist für unsere Zusteller eine alltägliche Situation", so Rödamer.

Sie sollen durch die Übung nicht nur lernen, ihr Fahrzeug besser zu beherrschen, sondern vor allem künftig schwieriges Gelände besser einschätzen zu können. Zudem sollten die Mitarbeiter zu der Überzeugung gelangen, solches Gelände oder eine enge Gasse erst gar nicht zu befahren, sondern das Auto etwas früher abzustellen - auch wenn sie dann ein bisschen weiter laufen müssen.

Neben der Unfallvermeidung wird auch das wirtschaftliche Fahren demonstriert und ausprobiert. Und zum Schrecken manches Zustellers versuchen die Trainer bei der Simulation eines Zustellvorgangs, das Fahrzeug zu stehlen. "Das kommt für die Zusteller total überraschend, aber dann stellt sich der Aha-Effekt ein", so Rödamer. "Nie den Schlüssel stecken lassen, selbst wenn das Zustellen nur eine Minute dauert: Die Botschaft kommt definitiv an!" 

Wichtiger Perspektivwechsel

Haben alle aus der Gruppe den Parcours abgeschlossen, wird rotiert. Nun absolvieren diese Zusteller den Diskussionsteil und die andere Gruppe darf sich im Fahren üben. Gegen 15 Uhr geht der Schulungstag zu Ende. Die Teilnehmer nehmen eine Menge neuer Erfahrung und nützlicher Hilfestellungen für ihren Alltag mit nach Hause. Übrigens nicht immer nur die Zusteller: Manchmal begrüßt Rödamer auch Mitarbeiter aus der Verwaltung in seinen Trainings. "Die werfen dann manchmal schon nach drei Minuten auf dem Parcours das Handtuch", erzählt Rödamer. "Meine Reaktion darauf: Nach drei Minuten? Jetzt stell dir mal vor, deine Zusteller machen das acht Stunden am Tag, und zwar im realen Straßenverkehr." Sie spüren dann vielleicht zum ersten Mal selbst etwas von dem Druck, den ihre Zustellkräfte Tag für Tag aushalten müssen, und haben künftig sicher mehr Verständnis für deren Situation. Dieser Perspektivwechsel bringt sehr viel.

Bis zu 20 solcher Trainings hat Rödamer bisher pro Jahr durchgeführt, wenn möglich am liebsten an Montagen, denn da ist es betrieblich etwas einfacher, Zustellkräfte für die Fahrerschulung freizustellen. Insgesamt sind über die vergangenen drei Jahre fast 900 Mitarbeiter geschult worden. Hinzu kommt das "Begleitete Fahren", das sich schwerpunktmäßig an Paketzusteller richtet und bei dem ein Fahrlehrer bei der Zustelltour dabei ist und Hilfestellung leistet. Etwa 250 solcher Touren gab es seit 2018. 

Der Erfolg der Schulungsmaßnahmen ist messbar: Fand sich die Niederlassung Nürnberg 2016 in der Rangliste der Unfallzahlen noch unter den letzten drei wieder, konnte sie sich seither auf Platz 25 von 47 verbessern. Michael Rödamer legt allerdings Wert darauf, dass die Wahrheit nicht immer nur in den Zahlen liegt. Ihm ist als Erfolgsbeweis auch das Feedback der Kollegen wichtig, und das fällt positiv aus: "Ich habe noch nie von einem Teilnehmer hinterher gehört, dass das nicht sinnvoll war", so Rödamer. "Die Zusteller freuen sich auch, dass sie bei uns Gehör finden, dass wir als Ansprechpartner für ihre Fragen da sind, ohne zu schulmeistern oder sie zu sanktionieren." Das Fahrsicherheitstraining in Nürnberg wird künftig in anderer Form stattfinden. Erste Planungen sehen vor, dass Rödamer vor Ort in den Zustellstützpunkten schult. Das wird nichts daran ändern, dass die Zusteller der Niederlassung Nürnberg in ihm einen verlässlichen Ansprechpartner haben, an den sie sich in allen Fragen zur Fahrsicherheit jederzeit wenden können - und der ihnen stets auf Augenhöhe und mit Verständnis begegnet.

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