Wenn der doppelte Postmann klingelt

Zusteller Thomas Wimmer war einen Tag lang mit seinem Kollegen Jörg Janke unterwegs, 700 Kilometer von seiner gewohnten Tour entfernt: Berchtesgaden trifft Berlin-Neukölln. 

© Deutsche Post DHL Group/Juliane Scheffler | Den Job haben sie nicht getauscht, aber ihren Zustellbezirk.

Der Blick aufs Klingelschild des Mehrfamilienhauses lässt die Furchen in Thomas Wimmers Stirn tief werden. Der stattliche Mann in der rot-gelben Windjacke mit DHL-Logo ist auf der Suche. Doch die provisorisch überklebten, teils verblichenen Namensschilder lassen sich schwer entziffern. Konzentriert geht Wimmer noch einmal alle Klingeln durch. Er findet den Namen, der mit dem Empfänger des Päckchens in seinem Arm übereinstimmt - nirgends. Da schnellt eine Hand an ihm vorbei und drückt einen der Knöpfe. Prompt summt der Türöffner. Die Sendung ist fast am Ziel, dort, wo das Klingelschild immer abfällt, wie Thomas Wimmer später von seinem Berliner Kollegen Jörg Janke erfährt. Gut wenn, wie heute, der doppelte Zusteller klingelt.

© Deutsche Post DHL Group/Juliane Scheffler | Hinter dem Zustelleraustausch steckt ein besonderer Zufall.

Den Job haben sie nicht getauscht, aber ihren Zustellbezirk. An diesem Vormittag geht Thomas Wimmer, Verbundzusteller der Deutschen Post in Berchtesgaden und Teamleiter des dortigen Zustellstützpunktes, fremd. 700 Kilometer weit weg. Er begleitet seinen DHL-Kollegen Jörg Janke auf dessen Tour durch Rixdorf, das zum Berliner Bezirk Neukölln gehört. In Rixdorf ist Neukölln noch nicht ganz so Multikulti wie einige Straßenzüge weiter westlich und nicht mehr ganz so urban wie einige Kilometer südlich. Rixdorf hat einen richtigen Dorfkern und daneben Altbauten aus der Gründerzeit sowie Neubauten aus den 1960er und 1970er Jahren. Einen Döner-Imbiss gibt es genauso wie ein Alt-Berliner Wirtshaus und ein Café mit veganer Karte. Für Thomas Wimmer ist es das totale Kontrastprogramm zur ihm geläufigen, dörflichen Idylle aus Einfamilienhäusern mit gut lesbaren Klingeln und ohne Zweite-Reihe-Parker, die dem rot-gelben Transporter des DHL-Duos hier das Weiterkommen erschweren. Danach gefragt, was sein Eindruck von Berlin ist, sagt der 42-jährige Bayer: "Berlin ist unglaublichverrücktirre. Mit Ausrufezeichen."

Obwohl Wimmers Bairisch gut zu verstehen ist, übersetzt Jörg Janke: "Die Stadt ist positiv bekloppt." Er grinst. Gelassen navigiert der Gastgeber seinen Hospitanten zu Fuß weiter, als die Straße wiederholt zum Nadelöhr wird und der Transporter zurückbleiben muss. Zwei Paketzusteller auf einen Streich sind sogar in Rixdorf ein seltener Anblick. Da tritt auch die Briefzustellerin, die gerade auf ihrem Dienstfahrrad vorbeifährt, kurz auf die Bremse und dreht sich nochmal um. Den einen Kollegen erkennt sie wieder, ist ihrem Gesichtsausdruck abzulesen. Den anderen nicht. Der muss neu sein im Kiez. 

Hinter dem Zustelleraustausch steckt ein besonderer Zufall. Während einer Weihnachtsfeier im Depot Neukölln mit der Berliner Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Weltcup-Gesamtsiegerin im Zweierbob Mariama Jamanka bekannte sich Jörg Janke als Fan des Bobsports. Daraus entstand die Idee mit dem Zustelleraustausch. Im Februar fuhr der 59-jährige Köpenicker nach Bayern, wo er  am ersten Tag die Verbundzustellung in den  Berchtesgadener Alpen kennen lernte und am zweiten Tag im Rennbob-Taxi durch den Eiskanal raste. Im April erfolgte der  Gegenbesuch von Thomas Wimmer in Berlin, wo er die Tücken der Paketzustellung in der Hauptstadt kennen lernen durfte. 

Wimmers Gegenbesuch ist der allererste Berlin-Aufenthalt des FC Bayern-Fans. Mit Jörg Janke steht ein "Eiserner" an seiner Seite, er hält es - außer mit Bob und Co. - mit dem 1. FC Union. Der Teamgeist der Zusteller kommt an diesem Tag voll zum Tragen. Nach zweieinhalb Stunden sind die Männer im Gleichschritt unterwegs, greifen sich routiniert die Sendungen aus dem Laderaum des Transporters, bringen sie zur angegebenen Adresse. Oder benachrichtigen den Empfänger, wenn sie niemanden antreffen. "Daheim benachrichtige ich so gut wie nie. Meine Kunden haben fast alle Ablageverträge", sagt Thomas Wimmer über seine Zustelltour in Berchtesgaden. Heißt: Die Empfänger bevollmächtigen ihn, ihr Paket oder Päckchen in der Garage oder dem Schuppen zu deponieren, wenn niemand zu Hause ist. "Als Verbundzusteller stelle ich täglich etwa 80 Pakete zusätzlich zur Briefpost zu und ein Paketzusteller in der Stadt Rosenheim sogar zwischen 200 und 270 Sendungen am Tag"  fügt er hinzu. Während Wimmer in Berchtesgaden mit dem Dienst-Caddy jede Zufahrt eines Hauses problemlos ansteuern kann, macht er im dichten Berliner Verkehr dicke Backen: "Wir waren den ganzen Vormittags unterwegs und haben gerade mal in einer Straße zugestellt." Die Rixdorf-Tour umfasst 14 Kilometer. 138 Päckchen und Pakete haben sie am Morgen im Neuköllner Depot der Deutschen Post DHL in den Transporter geladen. Mittags sind 48 Sendungen an den Mann oder die Frau gebracht. Hinter den sich öffnenden Türen blicken Jörg Janke und Thomas Wimmer in die Mienen erstaunter Kunden, die nicht mit zwei Zustellern rechnen. Nachfragen oder Gespräche ergeben sich daraus aber keine, auch das wundert den Gast aus Bayern, der häufig mit Kunden plaudert. Der quirlige Thomas Wimmer arbeitet seit 28 Jahren bei der Deutschen Post, hat im Unternehmen gelernt. Jörg Janke, den sein Kollege als "die Ruhe selbst" wahrnimmt, kam indes vor zweieinhalb Jahren als Quereinsteiger zur DHL. Der Mann mit der Nickelbrille ist gelernter Metallbauer.          

"Daheim" in Berchtesgaden seien die 44 Kolleginnen und Kollegen gespannt auf den Bericht des Berlin-Debütanten, verrät der gerade - dann bricht er ab: Eine Frau führt einen Terrier auf dem Gehweg Gassi, unbehelligt am Zusteller vorbei. Der Hund trägt einen gestrickten, bairischen Trachtenjanker mit Hirschhornknöpfen. Wimmer sieht dem Paar einen Moment lang verblüfft nach, ehe er wieder auf das Dienstfahrzeug zuhält. Jörg Janke greift bereits nach den  nächsten Paketen. Eine helle Frauenstimme lässt beide Zusteller herumfahren. Sie wohne da vorne, sagt die Dame und wedelt mit dem Arm, sie erwarte dringend eine Kaffee-Lieferung, die für heute angekündigt sei. Ob die beiden schauen würden? Janke nickt ruhig, verschwindet im Transporter, taucht kurz darauf mit der Sendung wieder auf. Die Frau quittiert sie dankend, grüßt, verschwindet. Jetzt lächelt Thomas Wimmer. Berlin interessiert sich nicht die Bohne? Zumindest das ist nun wiederlegt.

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