Postbotin und Spitzenathletin: In Unterneukirchen bringt eine Europameisterin die Post

Der oberbayerische Ort Unterneukirchen hat eine ganz besondere Postbotin: Annalena Leitner bringt nicht nur jeden Tag die Post, sie ist auch frischgebackene Europameisterin im Eisstock-Weitschießen. Von der ersten Damen-Europameisterschaft überhaupt, die im Februar 2019 in Südtirol stattfand, kehrte sie sogar mit doppelt Gold zurück: Die zweite Medaille holte die 22-Jährige mit der Mannschaft.

© Privat | Strahlende Siegerin: Annalena Leitner, im Hauptberuf Postbotin, hat bei der ersten Europameisterschaft in Südtirol die Goldmedaille geholt.

Annalena Leitner ist es gewohnt, dass sie ihren Sport außerhalb ihres Heimatorts Unterneukirchen erst erklären muss. „Eisstockschießen kennen zwar die meisten, aber das Weitschießen ist noch nicht so bekannt“, so die Postbotin. „Der Stock ist der gleiche, aber es geht dabei eben, wie der Name sagt, um Weite, nicht so sehr um Präzision.“ Das Weitschießen ist eine sehr athletische Sportart, für die vor allem Kraft wichtig ist. Trainiert wird auf Eis oder Asphalt, die Weiten sind enorm: „Der Weltrekord bei den Männern liegt bei 566 Metern, so lange Trainingsbahnen gibt es nicht einmal – die Weite ist auf einem See erzielt worden“, erzählt Leitner.

Das Damen-Weitschießen ist noch sehr jung. Im Februar 2019 fand die allererste Europameisterschaft statt, an der auch Frauen teilnahmen. Das Teilnehmerinnenfeld war deshalb recht klein, nur Deutschland, Österreich und Italien hatten Athletinnen geschickt. Annalena Leitner ging als Favoritin ins Rennen, immerhin ist sie amtierende bayerische und deutsche Meisterin. „Aber weil es bisher noch keine internationalen Wettkämpfe gab, wussten wir natürlich nicht, wie stark die Österreicherinnen und die Italienerinnen sein würden“, so Leitner. Sie waren nicht stark genug für Annalena Leitner. Mit einem besten Versuch von 121,6 Metern holte sie Gold und triumphierte anschließend auch noch mit der Mannschaft. Insgesamt schnitten die vier deutschen Sportlerinnen mit den Plätzen eins, zwei, drei und fünf hervorragend ab – und das, obwohl es ihr erster Versuch auf Eis war: „Wir trainieren zuhause nur auf Asphalt. Auf Eis zu schießen war sehr ungewohnt, vor allem weil einen die Spikes an den Schuhen schon sehr in seiner Bewegungsfreiheit einschränken“, erzählt Leitner.

Erfolg steckt an

Ganz zufrieden war sie am Ende trotzdem nicht: „Bei der Weite hätte ich noch mehr herausholen können“. Ihre persönliche Bestleistung liegt immerhin bei 145 Metern. Für den Titel hat aber auch deutlich weniger gereicht. Unabhängig vom Ergebnis war die Europameisterschaft für Leitner ein gigantisches Erlebnis: „Das war wirklich etwas ganz besonderes. Wir waren ein großes deutsches Team, mit Herren- und Damenmannschaft, U16, U19, U23 und natürlich den Trainern. Die Atmosphäre war total familiär, und es war ein super Gefühl, zum ersten Mal in der deutschen Teamkleidung mit dem Adler drauf anzutreten.“ Überhaupt ist das Gemeinschaftsgefühl einer der Gründe, warum Annalena Leitner das Weitschießen so liebt. „Bei uns gibt es kein Konkurrenzdenken, wir sind ein Team und halten zusammen“, so Leitner. „Ich kenne keinen anderen Einzelsport, bei dem das so ist.“

Unterneukirchen ist eine Hochburg des Weitschießens, Annalena Leitner, die den Sport schon macht, seit sie 16 ist, trainiert zweimal die Woche abends, zusätzlich geht sie ins Fitnessstudio. „Weitschießen ist ein einseitiger Sport, ich belaste ja nur den rechten Arm. Damit es da kein Ungleichgewicht gibt, muss ich viel Krafttraining machen“, erklärt Leitner. An Kraft mangelt es der 1,80 Meter großen Sportlerin nicht und ihre Fitness ist auch in ihrem Hauptberuf von Vorteil. Denn leben kann Leitner von ihrem Sport trotz ihrer Leistung nicht. „Ich habe Sponsoren, um die Kosten zu decken, aber mir war immer klar, dass ich mit dem Weitschießen nicht reich werde“, so Leitner. Die gelernte Konditorin arbeitet seit Juni 2018 bei der Deutschen Post als Verbundzustellerin und macht sich morgens mit den Briefen und Paketen auf zu ihrer täglichen Tour durch Unterneukirchen. Ihr Verhältnis zu ihren Kunden ist sehr persönlich, in ihrem Heimatort kennt die Sportlerin so gut wie jeden. Und natürlich kennt vor allem jeder sie, die Spitzenathletin, die von den Unterneukirchnern für ihre sportlichen Erfolge gefeiert wird.

Auch ihre Kollegen und ihre Kunden wissen selbstverständlich von ihren sportlichen Erfolgen und sind stolz auf die Europameisterin in ihren Reihen. „Meine Kollegen haben mir nach der EM alle gratuliert, das ist schon ein schönes Gefühl“, erzählt sie. „Und mein Chef ist sowieso total sportbegeistert, deshalb verfolgt er auch alle meine Wettkämpfe.“ Leitners Erfolg ist ansteckend, seit der Europameisterschaft ist das Interesse am Weitschießen auch in Leitners privatem Umfeld noch gewachsen. „Einige meiner Freundinnen haben nun damit angefangen, das hat mich sehr gefreut. Auch, weil ich nun häufiger beim Training jemanden habe, um mir den Stock zurückzuschießen.“ Wenn sie allein trainiert, muss Annalena Leitner notgedrungen jedes Mal die ganz Strecke ablaufen, um den Stock selbst zurückzuschießen – und nach ihrem Arbeitstag als Zustellerin hat sie in der Regel schon genug Laufkilometer gesammelt.

Nach der Europameisterschaft hat sich Annalena Leitner erst einmal drei Wochen Auszeit vom Weitschießen gegönnt. „Nach so viel Training konnte ich den Stock ehrlich gesagt nicht mehr sehen“, sagt sie. Doch nach der Ruhepause hat sie ihre kommenden Ziele schon abgesteckt: Die nächste größere Station ist der Europa-Cup Ende Mai, und dann laufen auch schon die Vorbereitungen für ein ganz großes Ereignis: Die Weltmeisterschaft 2020, bei der zum ersten Mal auch Frauen antreten. Dann bekommt Unterneukirchen mit Annalena Leitner vielleicht auch seine erste Weltmeisterin.

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